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Die moderne Medizin und ihre natürlichen Feinde

 
 
Kai Beisswenger über zwei Tatsachen und einen Ausfall: Der Trend zur Naturheilkunde, die Ankündigung eines Paradigmenwechsels in der medizinischen Forschung und die Reaktion des Skeptiker-Vereins GWUP e. V. auf aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen. Die Komplementärmedizin, auch Naturheilkunde oder “Andere Medizin” genannt, wird in Deutschland seit einigen Jahren immer beliebter. Bereits im Jahr 2002 stellte das Allensbach-Institut fest, dass 72 Prozent der Bevölkerung in den westlichen Bundesländern Naturheilmittel verwenden. Was ist die Ursache dieses Trends?
 
Krankheiten lassen sich nicht immer mit Hilfe konventioneller Medikation innerhalb einer absehbaren Zeit heilen. In diesem Fall wendet der Patient sich oft von der Schulmedizin ab und sucht sein Heil bei einem Arzt, der alternativ behandelt, oder auch bei einem Heilpraktiker. Die wissenschaftlich nachweisbare Wirkung eines Medikaments im Körper des Menschen ist für die Schulmedizin die “Goldene Regel”. Allerdings lassen sich Krankheiten, insbesondere chronische Erkrankungen, in der Regel nicht mit einfachen biologischen Wirkmechanismen erklären. Das Ursachengeflecht der Krankheiten ist meist viel größer und es können viele Gründe zusammen kommen: falsche Ernährung, mangelnde Bewegung, Umweltverschmutzung, psychische Störungen und einige mehr.

Eine kleine zusätzliche Belastung, wie z.B. Pilze, Bakterien oder Viren, können eine kritische Masse auslösen, die eine Krankheit hervorruft. Der Arzt verabreicht nun ein Medikament, das die fremden Eindringlinge in den Körper des Patienten chemisch bekämpft. Der Preis für das Verschwinden der Beschwerden können Nebenwirkungen oder unerwünschte Wirkungen aufgrund von Überdosierung sein.
 

Die Schulmedizin scheint natürliche Grenzen zu haben und benötigt eine Ergänzung - einen Komplementär.

 
Zu den Heilmethoden der Komplementärmedizin gehören Akupunktur, Akupressur, Autogenes Training, Hypnose, Homöopathie und viele mehr. So heilt die Homöopathie nicht nachweisbar mit einer Substanz. Aufgrund der mehr oder weniger großen Substanzlosigkeit ihrer Medikamente gehen die Homöopathen davon aus, dass die des Medikaments zugrunde liegende Information den Heilprozess aktiviert.An der Homöopathie scheiden sich die Geister. So gibt es wissenschaftliche Studien, die eindeutig die Überlegenheit der Homöopathie gegenüber Placebos.

Grundsätzlich ist Skepsis wichtig, denn auf dem Gebiet der Heilkunde praktizieren auch Scharlatane, die dem Erscheinungsbild der Komplementärmedizin schaden und denen folglich das Handwerk gelegt werden muss, um den Ruf zu wahren.

In Deutschland existiert eine Skeptikerbewegung, namentlich die "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) e.V", die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Spreu der Scharlatane vom Weizen der erfolgreichen "Parawissenschaftler" zu trennen.
 

Kritik ist so lange hilfreich, solange sie nicht in Intoleranz und gar Ignoranz umschlägt.

 
 
Wird die Skepsis jedoch zum Selbstzweck und die ratio der Skeptiker von ihrer emotio zugedeckt, dann mutieren die Skeptiker zu den gleichen dunklen Mächten, die sie bekämpfen: sie werden zur Sekte!
Der Skeptiker mutiert also zum Beelzebub, um den Teufel auszutreiben!

Kann diese Aussage belegt werden? Kein Problem!

Als Kniefall vor der alternativmedizinischen Lobby kritisierte die GWUP vor etwa einem Jahr die Umstände der Einrichtung einer Stiftungs-Professur für Komplementärmedizin an der Charité in Berlin, einer Institution, aus der über die Hälfte der deutschen Nobelpreisträger für Medizin und Physiologie stammen. Die GWUP unterstellt der Charité und insbesondere Prof. Dr. med. Stefan Willich, dass wissenschaftliche Methoden offenbar solange den Bedürfnissen der Alternativmedizin angepasst werden, bis sie die Resultate erzielten, die sich die Vertreter der Komplementärmedizin wünschten.
 
Einen sinnvollen und vor allem wissenschaftlichen Beitrag in der Bewertung und Einordnung der Alternativen Medizin könne die Chariteé laut GWUP dennoch leisten, falls sie an bewährten wissenschaftlichen Standards sowie an einem transparenten und ergebnisoffenen Vorgehen festhalte und zwar ohne Einknicken vor dem Druck der Geldgeber. (Link zum Artikel der GWUP) Liest man zwischen den Zeilen der Stellungsnahme, dann wird deutlich, dass die GWUP der Charité und insbesondere Prof. Dr. med. Stefan Willich indirekt Studienmanipulation zu Gunsten von Geldgebern vorwirft.

Sieht man einmal davon ab, dass der Vorwurf respekt- und stillos ist, kommt hinzu, dass die Begründung der GWUP seit etwa einem Jahr aussteht. Seit knapp einem Jahr (Hinweis der Redaktion: Der Artikel wurde in 2009 publiziert) ziert diese Anschuldigung die Webseite der GWUP, ohne dass sie jemals begründet wurde.

Steckt mehr dahinter oder handelt es sich um einen einmaligen „Ausraster“ der Skeptikerbewegung? Nun, um diese Frage zu beantworten, müssen wir etwas weiter ausholen.
Die randomisierte kontrollierte Studie (RCT) gilt in der medizinischen Forschung als die nachgewiesen beste klinische Studie, um bei einer eindeutigen Fragestellung eine eindeutige Aussage zu erhalten und die Kausalität zu belegen. Daher müssen sich auch homöopathische Medikamente an diesem “Goldstandard” messen lassen, um ihre medizinische Wirksamkeit zu überprüfen. Seit etwa fünf Jahren wird in der internationalen Fachdiskussion die pauschale Orientierung an der Zufallsverteilung (Randomisierung) jedoch infrage gestellt.

Auch Prof. Dr. med. Stefan Willich von der Berliner Charité veröffentlichte bereits im September 2006 im Deutschen Ärzteblatt (Heft 39, Jg. 103) einen Fachartikel, in dem er publizierte, dass die RCT allein keine ausreichende Basis für die Nutzenbewertung von Verfahren und Strategien in der medizinischen Routineversorgung sei. Notwendig seien ergänzende Studien in der Versorgungsforschung.
 

Was heißt das?...

 
Vereinfacht geht es um zwei Kritikpunkte: zum einen lässt sich bei Anwendung der RCT die absolute Wirkung des Medikaments nicht eindeutig feststellen und von der Placebowirkung isolieren. Zum anderen müssen die etablierten RCT-Prüfkriterien “Wirksamkeit” (Funktioniert es?) und “Wirkung” (Nutzt es?) zusätzlich durch eine dritte neue Größe “Effizienz” (Nutzen/Kosten-Verhältnis) ergänzt werden. Sollte sich diese Erkenntnis durchsetzen, entspräche das einem wissenschaftlichen Paradigmenwechsel und das “Goldene Kalb” “RCT allein” wäre geschlachtet. Die Arzt-Patient-Beziehung und Patienten-Überzeugungen würden als Wirkfaktoren ebenfalls berücksichtigt. Sowohl etablierte Verfahren der modernen Medizin als auch komplementärmedizinische Therapien ließen sich in Hinblick auf ihr Nutzen/Kosten-Verhältnis korrekt bewerten.
 
 
Damit sollte klarer werden, warum die Komplementärmedizin-kritische GWUP der Charité indirekt Studienmanipulation zu Gunsten von Geldgebern vorwirft. Sie befürchtet, so scheint es, dass die Stiftungs-Professur an der Charité das “Goldene Kalb” RCT schlachten könnte, um durch die Hintertür Methoden zu etablieren, welche die Wirksamkeit beispielsweise der Homöopathie auch wissenschaftlich bestätigten.
Wobei es gar nicht um ein “Schlachtfest der RCT” geht, sondern nur um eine Ergänzung, um exaktere wissenschaftliche Ergebnisse zu erzielen. Aber genau dieses wichtige Detail scheint der GWUP entgangen zu sein.
 

Aus dieser Perspektive stellt sich die Frage...

 
Aus dieser Perspektive stellt sich die Frage, ob die GWUP überhaupt Interesse an einem geeigneten wissenschaftlichen Verfahren zur Überprüfung der Wirksamkeit homöopathischer Medikation hat. Welche Organisation verliert schon gerne ihre Identität und ihre Idole?
Die GWUP feiert sich in wenigen Tagen selbst auf ihrem Kongress 2009 unter dem Motto: “Wissenschaft unter Beschuss” mit so interessanten wie provokativen Themen:

“Warum Parapsychologen und Alternativmediziner neue Regeln fordern” und “Wie die moderne Physik missbraucht wird, um esoterische Medizin und Politik zu begründen.” Und zur Auflockerung: “Die Wahrheit bringt Heilung - Ein ironisch wissenschaftliches Bühnenstück über die scheiß Esoterik” Der Vortrag “Dunkelmänner oder Erleuchtete? Der Mythos um ‘Illuminati” erhält eine wohl nicht gewünschte Bedeutung, denn die GWUP muss sich der Frage stellen, ob ihre Organisation nicht schon längst auf dem besten Wege ist, ein fanatischer Orden zu werden. Anstatt Ärzte, die Hypnose, Akupunktur und Homöopathie erfolgreich anwenden, ebenso zu verhöhnen wie ihre Patienten, sollte die GWUP das tun, was sie heute eher behindert: ihre Anstrengungen in den Dienst der Wissenschaft stellen!

Schließlich brauchen wir Skeptiker, denn...

... menschliches Verhalten plus emotionale Gruppenbildung ohne negatives Feedback ergäbe wahrscheinlich eine stetige Zunahme von Pendel und Wünschelruten in Arzt- und Heilpraktikerpraxen.

(...)


Autor: Kai Beisswenger

Esowatch.de dankt Herrn Beisswenger für die freundliche Zusage, seinen Artikel an dieser Stelle einstellen zu dürfen.


Webseite von Kai Beisswenger



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