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Rupert Sheldrake: Der Skeptizismus der Gläubigen

 
 
Ich habe Skeptizismus für eine grundlegende
intellektuelle Tugend gehalten, dessen Ziel die Wahrheitsfindung ist.
Ich habe meine Meinung geändert. Ich sehe ihn jetzt als Waffe.
Kreationisten haben mir die Augen geöffnet. Sie
nutzen die Techniken des kritischen Denkens, um Schwächen in den
Beweisen für natürliche Auslese, Lücken in dokumentierten fossilen
Funden und Probleme mit der Evolutionstheorie aufzuzeigen. Suchen sie
damit die Wahrheit? Nein. Sie glauben, die Wahrheit bereits zu kennen.
Skeptizismus ist eine Waffe, mit der sie ihren Glauben verteidigen,
indem sie ihre Gegenüber angreifen.
 
Skeptizismus ist auch eine wichtige Waffe zur Verteidigung kommerzieller Eigeninteressen. Nach David Michaels, dem früheren Ministerialdirektor für Umwelt, Sicherheit und Gesundheit im US-Energieministerium in den 1990ern, wurde die Strategie der Tabakindustrie, Zweifel an unbequemen Beweisen zu erzeugen, jetzt auch von Gesellschaften übernommen, die giftige Produkte erzeugen wie Blei, Quecksilber, Vinylchlorid und Benzol. Werden sie mit Beweisen konfrontiert, dass ihre Aktivitäten Schäden verursachen, ist ihre Standardreaktion, Wissenschaftler zu bezahlen, um mit Schlamm zu spritzen und Forschungsergebnisse, die gegen die Interessen der Industrie sprechen, als "Schrottwissenschaft" zu brandmarken. Wie Michaels anmerkte: "Ihre Aussagen sind fast immer die gleichen: Der Nachweis ist nicht eindeutig, also ist eine Regulierung nicht gerechtfertigt." Skeptiker des Klimawandels benutzen ähnliche Techniken.

In einem durchdringenden Essay unter dem Titel "Der Skeptizismus der Gläubigen" hat Sir Leslie Stephen, ein Pionier der Agnostiker (und der Vater von Virginia Woolf), erörtert, dass Skeptizismus unvermeidlich unvollständig ist. "Hinsichtlich der großen Menge gewöhnlicher Überzeugungen sind die sogenannten Skeptiker genau solche Gläubigen wie ihre Gegenüber." Damals wie heute hatten diejenigen, die sich selbst als Skeptiker bezeichnen, einen eigenen starken Glauben. Wie Stephen es 1893 ausdrückte: "Die Denker, die generell von Skepsis erfüllt sind, sind gleichermaßen erfüllt von übertriebenem Glauben an Beständigkeit und Sicherheit über die sogenannten 'Naturgesetze'. Sie ordnen einem bestimmten Phänomen genau so selbstsicher eine natürliche Ursache zu wie ihre Gegner eine übernatürliche."

Skeptizismus hat noch tiefere Wurzeln in Religion als in Wissenschaft. Die Propheten des Alten Testaments schrumpften in ihrem Hohn für andere Religionen des Heiligen Landes. Psalm 115 verhöhnt diejenigen, die Silber und Gold anbeten: "Einen Mund haben sie und reden nicht; Augen haben sie und sehen nicht". In der Reformation haben die Protestanten die volle Kraft von Bibelforschung und kritschem Denken gegen die Verehrung von Reliquien, Heiligenkulte und anderen "Aberglauben" der Katholischen Kirche entwickelt. Atheisten führen den religiösen Skeptizismus an seine absoluten Grenzen; aber sie verteidigen einen anderen Glauben, den Glauben an die Wissenschaft.

Praktisch gesehen ist das Ziel des Skeptizismus nicht das Entdecken der Wahrheit sondern das Aufdecken der Fehler anderer Leute. Das spielt eine hilfreiche Rolle in Wissenschaft, Religion, Lehre und gesundem Menschenverstand. Aber wir müssen daran denken, dass es eine Waffe ist, die dem Glauben oder Eigeninteressen dient; wir müssen skeptisch den Skeptikern gegenüber sein. Je militanter der Skeptiker ist, um so stärker ist sein Glauben."

Rupert Sheldrake

Die Esowatch.de Redaktion dankt Rupert Sheldrake für seine Zustimmung, den Artikel zu übersetzen und auf esowatch.de zu veröffentlichen.

Übersetzung: Michael Hübner


Englisches Original

 
 

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